Americas wildest Trail

Manchmal ist alles was wir brauchen eine Wanderkarte und die Idee von einem langen Trail …

Wir sind wieder unterwegs. Auf dem PNT, dem Pacific Northwest Trail. Er gilt als Americas wildest Trail, und führt über 1.200 Meilen von den Rocky Mountains bis zum Pazifik. Der PNT zählt zu den landschaftlich reizvollsten Long-Distance Trails der Welt aber auch zu den wildesten...

Denn er führt durch den kaum besiedelten Nord-Westen, die bergige Grenzregion zu Kanada, in der kaum jemand unterwegs ist. 8 Wochen lang begegnen wir keinem anderen Wanderer, nur einem Typ von der Border Patrol – schwer bewaffnet, aber sehr freundlich. Kaffee wollte er allerdings nicht mit uns trinken, er musste ja noch Schmuggler jagen, im Dunklen mit seiner Stirnlampe in den Selkirk Mountains.

 

Es ist ja wirklich noch eine wilde Gegend. Man warnt uns vor Pumas und Wölfen, und vor den Menschen, die in dieser abgelegenen Bergwelt leben. Und tatsächlich verstecken wir uns an einem Abend, denn die abgelegene Straße und die Menschen, die dort wohl wohnen, umgeben von alten, verrosteten Fahrzeugen mit Einschusslöchern in der Windschutzscheibe, sind uns nicht geheuer. Aber schon am nächsten Tag werden wir spontan eingeladen und sind zu Gast bei unglaublich lieben Menschen auf einer traumhaft schönen Ranch.

 

Dieser Trail macht etwas Merkwürdiges mit uns: jedem emotionalen Tief schickt er ein völlig unerwartetes Hoch hinterher. Wie auf einer Achterbahn, durch die Tiefs rauscht man schnell durch, doch oben bleibt die Zeit stehen und man kann einfach genießen: die Ruhe, die Schönheit, die Einsamkeit, die endlosen Wälder, die sich in alle Richtungen erstrecken und die unglaubliche Gastfreundschaft der Menschen. Man hält den Atem an und ist einfach nur dankbar unterwegs sein zu dürfen.

 

Genau 10 Jahre ist er alt, der PNT. Sehr jung für einen Long Distance Trail. Im Vergleich dazu ist der CDT, den wir vor Jahren geritten sind, mit seinen 40 Jahren bereits in die besten Jahre gekommen. Dass der Trail so jung ist hat Konsequenzen, er ist schlichtweg noch nicht fertig. Immer wieder fehlen einige Kilometer Trail, dann muss man querfeldein oder über Straßen ausweichen, großteils staubige Forst- oder Farmstrassen ohne Verkehr. Trotzdem haben wir das Gefühl, genau zur richtigen Zeit unterwegs zu sein. Jetzt, wo der Trail noch so jung ist, voller Abenteuer und Überraschungen. Ein junges Mädchen kommt vom Farmhaus auf uns zugelaufen, sie schwenkt ein Buch in der Hand. Wir sollen uns auch eintragen, so wie all die anderen PNT Hiker, die in diesem Sommer vorbeigekommen sind. Es sind nicht genau acht Einträge. Fast alle waren alleine unterwegs. Der letzte schon vor über zwei Wochen. Wir sind spät dran, wahrscheinlich die letzten der Saison.

 

Ende September fällt der erste Schnee. Dicke, schwere Flocken, die Hufe pflügen durch Tiefschnee über den Frosty Pass, der seinem Namen alle Ehre macht. Am diesem Abend erreichen wir hier mitten in den Bergen unser Ziel für diesen Sommer. Im Morgengrauen kommt ein Wanderer vorbei. Der erste seit acht Wochen. Der Schnee knirscht unter seinen Füßen. Wir laden ihn ein an unser warmes Feuer und er erzählt von seiner Wanderung, von den letzten 6 Monaten, den 2.650 Meilen, die hinter ihm liegen. Nur noch 3 Meilen sind es für ihn bis zur kanadischen Grenze, dann hat er sein Ziel erreicht. Seine Euphorie ist ansteckend. Gut gelaunt ziehen wir an diesem Tag weiter. Denn für uns liegen sie noch vor uns, die 4.270 km des PCT. Aber das kommt nächsten Sommer. Jetzt ist es an der Zeit, unsere Pferde in ihr gemütliches Winterquartier zu bringen, zurück zu der traumhaft schönen Ranch, an der wir vor zwei Wochen vorbeigeritten sind. Denn die Gastfreundschaft geht weiter.