Wenn Pferde gehen müssen...

Ein Nachruf auf einen treuen Gefährten

Jeder, der ein Haustier hat und viel Zeit mit ihm verbringt, weiß wovon ich schreibe. Liebe zu Tieren ist grenzenlos und vorbehaltslos. Wir müssen uns nicht zurücknehmen und unser Herz schützen (wie wir es bei so manchem Mitmenschen besser tun), denn Tiere enttäuschen uns nie. Sie hintergehen dich nicht, sind immer ehrlich mit dir. Sie zeigen dir, ob sie dich mögen, und wenn sie dich nicht mögen zeigen sie es dir auch. Wenn es dir gelingt, die Liebe und das Vertrauen eines Tieres zu gewinnen, dann nimmt es dich so, wie du bist. Egal wie du aussiehst, ob du frisch geduscht bist, oder stinkst, ob du fröhlich bist, oder traurig. Es ist einfach da, an deiner Seite, in deinen Gedanken. Bis es irgendwann Zeit ist, zu gehen.

Am 7. Januar 2018 war es Zeit für Rebelde. Er ist seinem Kumpel Gaucho in den Pferdehimmel gefolgt. Rebelde war Günters Weggefährte, sein Freund. Gemeinsam waren Rebelde, Gaucho und Günter von Argentinien bis nach Mexiko gewandert. 11 Jahre und 20.000 km.

 

Nicht immer hatte Rebelde es leicht mit Günter. Anfangs gab es viele Missverständnisse. Wollte Günter reiten, warf Rebelde ihn ab. Als Packpferd buckelte er und rannte er mit der ganzen Ausrüstung davon und Günter musste ihm hinterherreiten und die verlorenen Ausrüstungsgegenstände wieder aufsammeln. So hatte Günter anfangs mit dem Gedanken gespielt, ihn wieder zu tauschen gegen ein anderes Pferd. Doch es sind nie die Tiere, die etwas falsch machen. Wenn, dann liegt die Schuld immer bei uns selbst, und wir wissen es. Natürlich hat Günter Rebelde nicht ausgetauscht. Er war Teil des Teams, zusammen waren sie gestartet, zusammen würden sie ankommen.

Mit ihrem Vertrauen schenken uns Tiere auch ihr ganzes Leben. Du entscheidest, wie dein Hund, deine Katze oder dein Pferd seine Zeit verbringt. Jede Minute, jeden Tag, jedes Jahr.

Es war ein ungewöhnliches Leben, das Günter seinen Pferden Rebelde & Gaucho geboten hat. Aber kein schlechtes. Sie hatten tolle Zeiten miteinander, als sie durch die weiten Steppen Patagoniens geritten sind, über riesige Schafweiden, und zu Gast waren bei den Gauchos. Immer waren sie beisammen, verbrachten die Nächte gemeinsam unterm Sternenzelt, lauschten dem Heulen der Kojoten. Sie lernten einander besser kennen, lernten zu vertrauen. Bald schon folgten Rebelde & Gaucho Günter überall hin, durch Dick und Dünn, ohne Zögern, ohne Klagen. Durch reißende Flüsse und über gefährliche Brücken, auf steilen Gebirgspfaden in schwindelerregende Höhen, durch Schluchten und Canyons. Es gab kein Hindernis, das sie nicht gemeinsam meisterten. Sie verbrachten ihre Nächte auf der weiten, einsamen Steppe, auf Fußballfeldern mitten im Dorf, in hastig leergeräumten Ziegen- oder Schafställen, ja selbst in den leer stehenden Wohnräumen der einfachen Häuser. Es gab auch schwere Zeiten. In Mittelamerika wurden die Pferde immer wieder krank. Ihre karge, windgepeitschte Heimat hatte sie nicht abgehärtet gegen die Tücken der tropischen Hitze. Doch ihr Lebenswille siegte. Gegen Zecken und Mückenstiche, gegen Fieber und Borreliose. Gesund und im besten Alter kamen sie in Mexiko an.

Wie groß war die Enttäuschung, als Günter dort erfuhr, dass Rebelde und Gaucho nicht in die USA einreisen durften. Das Ziel, Alaska, so plötzlich unerreichbar.

Rebelde hätte es geschafft. Hätte ihn die Bürokratie nicht aufgehalten, Rebelde wäre bis Alaska gegangen. Doch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten will viele nicht haben, auch nicht Pferde, die zwar wieder ganz gesund, doch irgendwann mal krank gewesen waren. So verbrachte Rebelde seinen Ruhestand in Veracruz, im Süden Mexikos. Unter der liebevollen Fürsorge von Homero, Tierarzt und Freund, und seinen Helfern.

„Murió muy tranquilo.“ – er starb friedlich, schrieb Homero. Sein altes Herz hat einfach aufgehört zu schlagen. Er wird neben seinem alten Kumpel Gaucho begraben. Rebelde war 32 Jahre alt.

Als Rebelde starb, segelte Günter mitten auf dem Atlantik, in einem Schiff, das zu Ehren der Pferde den Namen „Rebelde & Gaucho“ trägt.