Tagebuch Kanada 19. Oktober 2010

Vor wenigen Tagen haben wir unseren Ritt durch die Rocky Mountains für diesen Sommer beendet. Höchste Zeit,  hier ein wenig davon zu berichten:
Am 9 Juli starteten wir in Twin Butte, einem kleinen Dörfchen wenige Kilometer nördlich der US-amerikanischen Grenze. Dort lebt Frances - Fotografin, Schriftstellerin und Reiterin. Auf ihrer kleinen Ranch verbrachten wir die erste Nacht in Kanada. Frances kennt die Berge im Süden British Columbias wie ihrer Westentasche. Sie gehört zu jener Generation, die noch zu Pferd zur Schule geritten ist. Frances hatte uns eine Skizze gezeihnet, dieser folgten wir den ersten Tag lang, vorbei an einer verfallenen Blockhütte - Frances Elternhaus - und einige Kilometer flußaufwärts - vorbei an ihrer Schule.

 

Diesmal können wir keinem Weitwanderweg folgen wie in den USA, weil es keinen gib, sondern müssen uns unseren eigenen Weg Richtung Norden suchen. Das ist zwar etwas mühsamer, bringt uns aber bereits bei der Vorbereitung der Reise mit interessanten Menschen zusammen, die sich in den Bergen auskennen.
So ritten wir mal auf schmalen Forststrassen, dann wieder auf Wegen, die fast vollstaendig zugewachsen sind, wo Haselnussstraeucher ineinander ranken, so dass ausser Leni, die bequem untern durchlaufen kann, jeder andere - Mensch und Pferd - sich durch den Dschungel kaempfen muss. Oder wir legen einige Kilometer direkt im Flussbett zurueck, waehrend Leni sich am Ufer vorwarts kaempft, oder bei mir im Sattel reitet.
Typisch fuer Juli gab es fast jeden Nachmittag Gewitter, spaetestens um 5 Uhr verkrochen wir uns im Zelt und warteten den ersten Regenschauer ab, dann erst kochten wir Abendessen.
Die beste Neuerung in diesem Jahr ist ein elektrischer Weidezaun. Jeden Abend zaeunen wir nun 200 meter (Umfang) ein, unser Zelt miteingeschlossen - die Pferde koennen nicht hinaus und hoffentlich die Grizzlybären nicht hinein. Schon im Süden Kanadas ritten wir immer wieder durch herrliche alpine Landschaft. Immer wieder entdeckten wir Dickhornschafe, die von Felsklippen herabspähen. An einem Morgen, wie lagerten an einem kleinen Teich, sahen wir unseren ersten Puma in freier Wildbahn. Die große Raubkatze saß am gegenüberliegenden Ufer und ließ sich sonnen. Wenige Tage später entdeckten wir einen Lux im Gebuesch.

Nach einigen Wochen standen wir ploetzlich vor einem SChild "keine Pferde im Provincial Park". Zurueckgehen kam nicht in Frage - es wäre ein Umweg von gut zwei Wochen gewesen -, so ritten wir einfach so schnell wie möglich durch. Wir hatten ja schon einmal einen Hund durch einen Nationalpark geschmuggelt, warum nicht vier Pferde durch einen Provinz Park. Aber ganz wohl war uns nicht dabei!
Einige Wochen spaeter begegnete uns noch einmal das Schild "keine Pferde". Es stand an einer Hängebruecke ueber den Nord Sasketchuan River - ein Fluss breit wie die Salzach. Wir hatten die Wahl - ueber die Bruecke oder Schwimmen. SChon der pure Menschenverstand sagt einem, dass man keine Pferde ueber eine 100m lange, aber nur 1 Meter breite, mit Stahlseilen montierte Haengebruecke fuehrt, wo die Pferde durch das Gittert hinunterschauen koennen und wenn sie in Panik geraden sich in dem Maschendraht verletzen oder schlimmer noch, den Menschen, der sie fuehrt einfach niederrennen wuerden. Eine Haengebruecke schwankt und wankt, vor allem wenn ein Pferd darueber geht. Doch kein vernuenftiger Mensch wuerde durch einen 100 meter breiten, von Gletscherfluessen gespeisten Fluss schiwmmen und dabei noch vier Pferde mitnehmen. Also ging es ueber die Bruecke. Jedes Pferd einzeln und ohne Gepaeck. Guenter führte sie hinueber. Die Pferde blieben ruhig und es ging alles gut.

Unser Weg führte uns durch zwei Nationalparks: Banff und Jasper. Die Trails gehoeren dabei uns ganz alleine, wir sehen kaum jemals einen Menschen, obwohl hunderttausende Besucher jaehrlich in die Nationalparks kommen. Zwischen dem Ort Banff und Japser waren wir 25 Tage ununterbrochen draussen unterwegs, 25 Tage ohne Menschen, Laerm, Hektik, Telefon, aber auch ohne Dusche, frisches Obst und Gemuese (Guenter wuerde hier noch ergaenzen: und ohne Bier!). 25 Tage in denen die Natur unseren Rhytmus bestimmt.
Mitte August schien der Sommer bereits vorueber zu sein, die Naechte wurden bereits emfindlich kalt und auf den Bergen lag der erste Schnee.

Der letzte Abschnitt der Reise führte uns in 32 Tagen von Jasper zum Kakwa Lake. Es war ein fantastischer letzter Abschnitt der Reise, extrem in vielerlei Hinsicht, aber einfach unvergleichlich schoen. Diese rund 500 Kilometer fuehrten uns durch die landschaftlich eindrucksvollsten Gegenden, die wir bisher in Kanada gesehen haben, ueber hohe alpine Paesse, entlang wunderschoener herbstlich verfaerbter Flusstaeler und durch unberuehrte Wildnis.
Ziel dieses Abschnitts war der Kakwa Lake, doch von dort ritten wir noch 100 Kilometer entlang einer Forststrasse bis wir die erste Ranch - einen Außenposten der Zivilisation - erreichten. Dabei wurde uns erst so richtig bewusst, wie weit wir diesmal von der Zivilisation entfernt waren, manchmal mehr als 5 Tagesritte!
Die Reise war auch extrem was das Wetter betrifft. Ich wollte ja schon immer mal Wintercamping ausprobieren, nun hatte ich endlich Gelegenheit. Wir hatten mit Temperaturen von bis zu -15 Grad Celsius und rund 30 cm Schnee zu tun. Auch wenn es unglaublich klingt, man kann auch bei minus 10 Grad ganz gut im Freien Fruehstuecken!
Im Tiefschnee ritten wir ueber den Snake Indian Pass im Jasper Nationalpark und folgten dabei den Spuren eines Wolfes. Das ist der Vorteil vom Schnee, man sieht viele Spuren wilder Tiere. Und nicht nur Spuren - im Sheep Creek Valley entdeckten wir einen Grizzlybaeren! Ein schoener, mit silbernem Fell, das im Gegenlicht glänzte und kleinen, runden Ohren wie ein Teddybaer. Er war einige hundert Meter entfernt. Als er uns witterte, drehte er sofort um und lief davon. Ausserdem sahen wir Elche und Hirsche und ein Stachelschwein.
Auch Leni hatte so einige Begegnungen mit wilden Tieren. Eine davon war leider ziemlich schmerzhaft. Sie kam einem Stachelschwein zu nahe und wir mussten rund 40 Stacheln aus ihrem Gesicht entfernen. Ich heulte waehrend der gesamten Operation aus Mittleid mit ihr. Aber sie hat alles gut ueberstanden, ob sie daraus gelernt hat, werden wir erst sehen.

Aufgrund des vielen Schnees, wollten wir unsere Reise rund 150 km südlich des Kakwa Lades abbrechen und über den Bess Pass zu einer Forststrasse absteigen. Wir verbrachten einen frustrierenden, regnerischen Tag damit, einen Weg hinab zu suchen, doch wir blieben auf halber Höhe stecken und mußten wieder umkehren. Wir nahmen es als Zeichen, dass wir weitergehen sollen. In den nächsten zwei Wochen waren wir für dieses Zeichen immer wieder sehr dankbar, denn wir ritten durch absolut einmalige Landschaft. Die ersten drei Tage waren allerdings eine Herausforderung, denn entlang des Jackpine Rivers gab es keinen Trail, und wir mußten uns unseren Weg durch Sumpf und Wald selbst suchen, dabei überquersten wir den Fluss bis zu 20 mal pro Tag. Arme Leni, sie musste immer wieder schwimmen. Am dritten Morgen mußten wir feststellen, dass der Fluss über Nacht wegen starker Regenfälle um einen Meter angestiegen war, ein Glück, dass wir bereits auf der richtigen Seite des Flusses waren und ihn nicht mehr überqueren mußten. Als wir das schwierige Flußtal verließen kam auch der Sommer zurück in die Berge. Wir ritten durch alpine Hochgebirgslandschaft mit herrlicher Aussicht über schneebedeckte Berge. Hin und wieder hatten wir unsere Schwierigkeiten den richtigen Weg zu finden, denn er verlor sich immer wieder in sumpfigen Wiesen. Doch damit wird uns garantiert nie langweilig. Auf einer Lichtung entdeckten wir eine Herde Caribous. Weder wir noch die Pferde hatten jemals zuvor Caribous gesehen, und starrten sie fasziniert an. Anfang Oktober kamen wir am Kakwa Lake an und folgten der Forststrasse bis zur ersten Ranch.
Wieder hatten wir unglaubliches Glueck mit den Menschen. Die ersten Menschen, die wir sahen, nahmen uns sofort für einige Tage auf ihrer Ranch auf. Dino, Lightfoot, Azabache und Rusty genießen nun ihre freien Tage auf einer saftigen Weide. Fressen und schlafen, dazwischen ein bißchen herumtollen, mehr wird in den nächsten Wochen nach der langen und anstrengenden Reise durch die kanadischen Rockys nicht mehr von ihnen erwartet!